Tiere am Dom

Der Hohe Dom zu Paderborn lädt dazu ein, entdeckt zu werden – ganz gleich, ob Menschen ihn als Touristen, Pilger, Gläubige oder Kunstinteressierte besuchen.

Der Hohe Dom zu Paderborn lädt dazu ein, entdeckt zu werden – ganz gleich, ob Menschen ihn als Touristen, Pilger, Gläubige oder Kunstinteressierte besuchen. Zunächst beeindruckt das Bauwerk durch seine monumentalen Ausmaße. Wer jedoch genauer hinsieht, entdeckt an vielen Stellen eine überraschend vielfältige Tierwelt.

Diese Darstellungen sind weit mehr als dekorativer Schmuck oder ein „kirchlicher Tierpark“. Sie tragen eine eigene Botschaft und erschließen symbolische Bedeutungen, die tief in der christlichen Tradition verwurzelt sind. Manche Tiermotive reichen bis in die Anfänge des Christentums zurück und haben ihren Ursprung insbesondere im syrischen Raum. So eröffnen sie einen faszinierenden Zugang zur Bildsprache des Domes und zu den theologischen Vorstellungen, die in seiner Architektur und Ausstattung Gestalt gewonnen haben.

Das bekannteste Tiermotiv am Hohen Dom zu Paderborn sind die drei Hasen im berühmten Drei-Hasen-Fenster des Kreuzgangs. Doch wer hat schon den flötenspielenden Affen, den Dukaten speienden Esel oder die Dommaus entdeckt? Wer schaut bei den tanzenden Vögeln zu, den streitenden Hähnen, den Adlern am Kapitelsaal oder der Fledermaus, die als Säulenschmuck verborgen ist?

Überraschende Entdeckungen erschließen die Bedeutung dieser oft übersehenen Darstellungen, in denen sich die Vielfalt der Schöpfung Gottes widerspiegelt. Wer sich auf diese Bilder einlässt, entdeckt nicht nur die meisterhafte Kunst der Steinmetzen und Handwerker, sondern begegnet einer vielschichtigen Bildsprache, die zum Nachdenken und zur Betrachtung einlädt. Die Kunstwerke wurden zur Ehre Gottes geschaffen und verkünden ihre Botschaft bis heute.

Im Kreuzgang des Domes begegnet dem aufmerksamen Besucher ein Affe, der auf einer Flöte spielt. Er sitzt auf einer Konsole im nördlichen Kreuzgangflügel. Als der Kreuzgang im 14. Jahrhundert mit einfachen Gratgewölben ausgestattet wurde, erhielten die Konsolen einen reichen Schmuck aus Laub- und Tiermotiven. Der Affe erinnert an diese Gestaltung. Aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Menschen war er in der mittelalterlichen Kunst ein beliebtes Motiv, um menschliche Schwächen, Eitelkeiten und Torheiten vor Augen zu führen. In der abendländischen Bildtradition gilt er zugleich als Sinnbild des Teufels, des Sünders und des Narren.

Das östliche Gewände des Südostquerhauses birgt ein vielschichtiges Bildprogramm. Über den Szenen aus dem Leben Jesu sind Tierdarstellungen angebracht, unter denen der Fuchs eine besondere Rolle spielt. Eine Szene zeigt einen Storch, der aus einer enghalsigen Flasche trinkt, während der Fuchs danebensteht und leer ausgeht. Das Motiv greift eine Fabel des Äsop auf: Der Storch revanchiert sich für die List des Fuchses, indem er ihm die Nahrung in einem Gefäß anbietet, aus dem dieser nicht fressen kann.

Ein weiterer Fuchs begegnet im Chorgestühl. Auf einer Miserikordie ist ein Fuchskopf dargestellt, zwischen dessen Ohren eine Weintraube herabhängt – eine Anspielung auf die Äsop-Fabel vom Fuchs und den Trauben. Zugleich darf diese Darstellung als augenzwinkernde Widmung an den späteren Besitzer dieses Chorstuhlplatzes verstanden werden: den Theologen und Kunsthistoriker Prof. Dr. Alois Fuchs († 1971), der sich in besonderer Weise um das Erzbistum Paderborn verdient gemacht hat. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Kapitelsfriedhof.

Unweit des Priestersitzes versteckt sich eine kleine Maus. Sie erinnert an das Sprichwort „arm wie eine Kirchenmaus“. Wahrscheinlich wollte der Maler damit scherzhaft darauf hinweisen, dass es in einer Kirche keine Vorratskammern gibt. Vielleicht verbirgt sich darin auch ein augenzwinkernder Wunsch nach einem etwas besseren Lohn für seine Arbeit.

Bemerkenswert ist auch der Wandel der Tierdarstellungen im Laufe der Baugeschichte. In der Romanik befanden sich viele Tierbilder im Inneren des Kirchenraumes. Sie gehörten zur symbolischen Ordnung einer Architektur, die die irdische Welt mit ihren Gefährdungen und Versuchungen widerspiegelte. Mit dem Aufkommen der Gotik verlagerte sich ein großer Teil dieser Motive an die Außenseite der Kirchen. Die gotische Kathedrale verstand sich als Abbild des himmlischen Jerusalem; in diesen heiligen Raum sollte nichts Unreines eindringen. Die Sinnbilder des Bösen und der ungeordneten Welt wurden deshalb an die Schwelle oder an das Äußere des Bauwerks verwiesen.

Unter den Sedilien des Chorgestühls, an einzelnen Kapitellen, verborgen im Rankenwerk oder an Vierungs- und Gewölbekonsolen begegnen dem Betrachter zahlreiche verspielte und groteske Figuren. Mit übersteigerten Körperformen, akrobatischen Verrenkungen und humorvollen Gesten beleben sie den steinernen Raum. Als Misch- und Fabelwesen, aber auch als Nachahmer geistlicher und weltlicher Personen, verbinden sie Unterhaltung mit Belehrung und eröffnen dem aufmerksamen Betrachter immer neue Deutungsmöglichkeiten.

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