Schutzzeichen im Paderborner Dom

Der Hohe Dom zu Paderborn zeigt nicht nur Schönheit und kunsthistorischen Reichtum, sondern erzählt auch von Kampf, Schutz und der Grenze zwischen Gut und Böse.

Die Darstellungen von Löwe, Schlange und Drache an und in mittelalterlichen Kathedralen – so auch im Paderborner Dom – sind sogenannte apotropäische Schutzzeichen und zugleich theologische Symbole für den Kampf zwischen Gut und Böse.

Im Oktober widmen wir uns im Paderborner Dom dem Thema Schutzzeichen. Dabei begegnen uns zahlreiche Darstellungen, deren Bedeutung weit über die reine Gestaltung hinausgeht.

Michael und der Drache

Der Drache gilt im Mittelalter als das ultimative Symbol für den Teufel, das Chaos und die Versuchung. In ihm vereinen sich die bedrohlichen Eigenschaften verschiedener Urgewalten. Bereits in der Antike versinnbildlichten Drachen schreckhafte Naturereignisse. Häufig sind sie als Verbindung eines Schlangenkörpers oder Seeungeheuers mit Flügeln, Krallen und einem weit aufgerissenen Rachen dargestellt. Aus ihrem Maul scheint mitunter Feuer oder Dampf hervorzubrechen. Nicht jede Darstellung eines Drachen weist jedoch all diese Merkmale auf.

Auch im Hohen Dom zu Paderborn gibt es verschiedene Stellen, an denen Drachen zu entdecken sind. Am bekanntesten ist wohl die Darstellung des Erzengels Michael mit dem Drachen.

Der Hebräerbrief bezeichnet die Engel als Geistwesen, die im Dienst Gottes stehen und die er den Menschen zur Hilfe schickt, die gerettet werden sollen (vgl. Hebr 1,14). Engel, die besondere und bedeutende Aufgaben erfüllen, werden als „Erzengel“ bezeichnet.

Der das Böse bekämpfende Erzengel Michael steht, mit Schild und Lanze bewaffnet, als Bekrönungsfigur über dem Portal der Engelkapelle. Unter seinen Füßen liegt der bezwungene Drache. Sein Schwanz windet sich bis zu den Hüften des Erzengels empor. Die Darstellung macht unmittelbar sichtbar, worum es in der Symbolik geht: Michael steht für die Macht Gottes, die das Böse besiegt.

Der Drache als Attribut

Eine weitere eindrucksvolle Darstellung findet sich am Flügelaltar des Gert van Loon an der Westwand des Turmjochs. Der Altar ist der heiligen Margaretha geweiht. In einer Szenenfolge von acht Bildern werden Begebenheiten aus ihrem Leben dargestellt.

Das kostbare Brokatgewand und der rote Umhang zeigen Margaretha als vornehme Jungfrau. Ihr von einem Nimbus umgebenes Haupt kennzeichnet sie als Heilige. Die gemalten Bilder stellen verschiedene Stationen ihres Lebens dar, wobei einige Szenen heute nicht mehr vollständig erhalten sind.

In der siebten Szene wird Margaretha im Kerker von einem Drachen versucht, den sie jedoch überwindet. Auf dem Spruchband steht ihre Antwort an den Versucher:

„Sternere superbe demon sub pedibus femine.“

Dies bedeutet: „Strecke dich, stolzer Dämon, unter die Füße einer Frau!“

Der Drache antwortet: „O beata Margarethe, superatus sum.“ – „O selige Margarethe, ich bin bezwungen.“

In die gleiche Richtung weist die Statue der heiligen Margaretha am Kreuzaltar. Seit 1653 steht dieser an der Südwand des Pfarrwinkels. Er ist mit einem größeren Altar aus dem Jahr 1620 verbunden, der das Hauptgeschoss bildet. An der linken Seite des oberen Geschosses steht die heilige Margaretha in einem langen Gewand. Unter ihren Füßen liegt ein Drache, den sie mit dem Schwert in ihrer rechten Hand tötet.

Auch im Mittelfeld der Kanzel befindet sich eine ungewöhnliche Darstellung: Eine Frau trägt eine Papstkrone und priesterliche Gewänder. In der rechten Hand hält sie das „Buch mit den sieben Siegeln“. Mit der linken Hand fesselt sie an einer Kette ein flammensprühendes Untier, das wie ein teuflischer Drache erscheint.

Der bezwungene Drache verweist auf die Vision der Offenbarung und zugleich auf das Wort Jesu, dass die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden (vgl. Mt 16,18). Die Kanzel erinnert im Übrigen an das Liborijubiläum des Jahres 1736, den 900. Jahrestag der Übertragung der Reliquien des heiligen Liborius.

Die Schlange

In unterschiedlichen Deutungszusammenhängen wird die Schlange zu einem bedeutenden Symbol. Seit der Schöpfungsgeschichte steht sie für Verführung, List, Sünde und Ketzerei beziehungsweise Häresie. Wird sie unter den Füßen von Heiligenfiguren oder Christi dargestellt und von ihnen zertreten, symbolisiert sie den Triumph der göttlichen Wahrheit über das Böse.

In der Mythologie wird die Schlange der Erde und der Finsternis zugeordnet und erscheint dadurch als Widersacherin des Sonnengottes. Eine zusammengerollte oder verknotete Schlange kann eine verborgene und heimliche Kraft oder Macht symbolisieren. Zugleich birgt sie die Möglichkeit des Guten wie auch des Bösen.

In der Tierwelt des Paderborner Domes besitzt die Schlange je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen. Eine genaue Deutung aller Schlangendarstellungen muss allerdings offenbleiben. Die genannten Deutungsmöglichkeiten können Anregungen geben, doch bleibt es teilweise der Betrachtung und Fantasie überlassen, was im Einzelnen gemeint sein könnte.

Im Chorgestühl ist die Schlange weder Attribut eines Heiligen noch besitzt sie an dieser Stelle eine unmittelbar biblische Bedeutung. Für die christliche Symbolik sind insbesondere zwei Berichte aus dem Alten Testament von Bedeutung: die Schlange im Paradies und die Aufrichtung der „ehernen Schlange“ während der Wüstenwanderung des Volkes Israel.

Auch in den Fenstern des Domes können wir Schlangen entdecken. In der linken Fensterbahn im Hasenkamp hat der Künstler Hermann Gottfried im unteren Bild die Szene des Sündenfalls der Stammeltern dargestellt, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte (vgl. Gen 3,24). In der rechten Bildhälfte blickt der Engel den Vertriebenen nach; sein Auftreten wirkt entschlossen. Am Bildrand windet sich die Schlange hinter Adams Rücken.

Maria und die Schlange

Die Schlange gehört zu den Tieren, die Maria zugeordnet werden. Dabei ist sie bei Maria kein Attribut im eigentlichen Sinne, wie es bei Heiligenfiguren häufig vorkommt und auf deren Leben, Biografie oder legendäre Überlieferungen verweist.

Am Portal der Marienkapelle ist eine Schlange zu Füßen Marias zu sehen. Sie zeigt Maria als Überwinderin der Schlange. In einer perspektivisch gestalteten Architektur steht Maria in einer Muschelnische und trägt das Kind auf ihrem linken Arm. Daneben halten zwei Putten entflammte Fackeln nach oben. Diese sind ein Sinnbild des Lebens und können hier auf Jesus gedeutet werden, den Maria geboren hat.

Die Schlange windet sich in großen Bögen und reicht bis an die Hüfte Marias. Auch bei der Doppelmadonna ist eine Schlange zu Füßen Marias zu entdecken. Unter ihren Füßen windet sich die Schlange, deren Kopf sie zertritt.

Durch dieses Bildelement wird die Verheißung von der Feindschaft zwischen der Frau und der Schlange endgültig auf Maria gedeutet. Die Darstellung verweist damit auf den Sieg über das Böse.

Die Schlange als Attribut des heiligen Benedikt von Nursia

Über Benedikt, den Vater des abendländischen Mönchtums, berichtet Papst Gregor der Große in seinen „Dialogen“. Benedikt wurde um 480 in Nursia in Umbrien geboren und kam zum Studium nach Rom. Später schrieb er auf dem Monte Cassino seine berühmte Klosterregel.

Wegen seiner Strenge in der Befolgung der Regel wollten einige seiner Mitbrüder ihn töten, indem sie ihm ein vergiftetes Getränk reichten. Benedikt machte über den Kelch das Zeichen des Kreuzes. Daraufhin entwich das Gift in Form einer Schlange.

Der Künstler Wilhelm Buschulte hat diese Szene im südlichen Fenster des ehemaligen Westchores mit den Patronen Europas eindrucksvoll dargestellt. Die Schlange steht hier somit nicht für Benedikt als Symbol des Bösen, sondern wird zum sichtbaren Zeichen des überwundenen Giftes und damit des Schutzes durch den Glauben.

Der Löwe als Wächter

In der Ikonografie ist der Löwe ein Symbol, das sich zunächst einer eindeutigen Auslegung entzieht. Er gilt unter anderem als Sinnbild für die Überwindung der Dämonen. So wird beispielsweise berichtet, dass Simon mit Löwen kämpft und diese ihm nichts anhaben können.

Daneben ist der Löwe vielfältig als Wächter anzutreffen – an Toren, an Gräbern und als Thronfigur. An Portalen soll er als „Grenzwächter“ verhindern, dass sich das Widergöttliche unbewusst in den heiligen Raum hinein verirrt.

Diese Wächterfunktion wird auch in den Löwenköpfen mit Greifringen am Paradiesportal und an der Roten Pforte deutlich. Nach der Zerstörung des Domes im Jahr 1945 wurden die wertvolleren Greifringe an der Roten Pforte gestohlen. Drei Jahre später wurden sie für das Paradiesportal nachgegossen. Als Ersatz kamen 1980 neue Ringe an ihren ursprünglichen Platz.

Die Löwenköpfe in der Rahmung des Paradiesportals haben dieselbe Bedeutung. Auch die beiden Löwen im Kapitell an der Roten Pforte können als Wächter verstanden werden. Ihre großen Köpfe wenden sich einander zu und scheinen mit ihren breiten Mäulern nach etwas zu schnappen, das einst über ihren Schwänzen von der Achse des Kapitells herabhing, heute jedoch zerstört ist.

Der Hals der Tiere wird von einer Mähne bedeckt. Ihre Hinterbeine kreuzen sich, die Schwänze berühren sich und gehen anschließend wieder auseinander. Beide Löwen stehen auf einem Halsring, der aus einzelnen Strähnen gebildet und mit einem Tau lose umwunden ist.

Auch am Grabmal des Fürstbischofs Dietrich Adolph von der Recke in der nördlichen Seite des ehemaligen Westchores sitzt ein Löwe auf dem oberen rechten Giebelsegment. Hier bewacht er den Toten und verkörpert zugleich Kraft und Stärke.

Der Löwe als Symbol des Evangelisten Markus

Die „Legenda aurea“ bringt den Löwen mit dem Evangelisten Markus in Verbindung:

„Marcus (wird) als ein Löwe (gebildet), da er klärlich schreibt von der Auferstehung: denn man spricht, dass die Jungen des Löwen bis zu dem dritten Tage liegen, als wären sie tot, und werden am dritten erweckt von dem Gebrüll des Löwen.“

In der christlichen Ikonografie wird der Löwe dadurch zum Symbol des Evangelisten Markus. Diese Zuordnung hebt besonders die Auferstehung Jesu hervor, die Markus in seinem Evangelium verkündet.

Der Markus-Löwe befindet sich gemeinsam mit den anderen Symbolen der Evangelisten im Vierpass des Ostfensters. Darüber hinaus ist er in den Gewölbeklappen der Dreifaltigkeitskapelle, am Ambo und an der Kanzel zu finden – also an Orten, an denen die Frohe Botschaft verkündet wird.

Auch im Vorraum der Bischofsgruft begegnet uns der Markus-Löwe. An diesem Ort kommt noch einmal seine Symbolik für die Auferstehung zur Geltung.

Schutzzeichen im Dom – ein sichtbarer Kampf zwischen Gut und Böse

Die Darstellungen von Drache, Schlange und Löwe im Paderborner Dom eröffnen einen vielschichtigen Blick auf die christliche Bildsprache. Sie erzählen von Versuchung und Überwindung, von Bedrohung und Schutz, von Tod und Auferstehung.

Der Drache steht häufig für das Böse, das bezwungen werden muss. Die Schlange kann Verführung und Sünde verkörpern, aber ebenso das überwundene Böse oder – wie bei Benedikt – das Zeichen eines göttlichen Schutzes sein. Der Löwe erscheint als Wächter und Beschützer, zugleich aber auch als Symbol des Evangelisten Markus und damit als Zeichen der Auferstehung.

So werden die Tiere im Hohen Dom zu Paderborn zu mehr als bloßen Schmuckelementen. Sie sind Teil einer Bildsprache, die den Glauben sichtbar macht und den Betrachter daran erinnert, dass der heilige Raum auch ein Raum des Schutzes und der Hoffnung ist.

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