Wenn die Steine sprechen

„Cum lapides clament, carmina iure tacent“ – „Wenn die Steine sprechen, schweigen die Gedichte zu Recht.“ Diese Inschrift am Fürstenberggrabmal im Hohen Dom zu Paderborn gibt einer neuen kulturhistorischen Serie ihren Titel: „Wenn die Steine sprechen“.

„Cum lapides clament, carmina iure tacent“ – „Wenn die Steine sprechen, schweigen die Gedichte zu Recht.“ Diese Inschrift am Fürstenberggrabmal im Hohen Dom zu Paderborn gibt einer neuen kulturhistorischen Serie ihren Titel: „Wenn die Steine sprechen“. Denn Architektur und Kunstwerke erzählen oft mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Ihre Größe, ihre Haltung, ihre Position im Raum, ihre Gestaltung und selbst scheinbar nebensächliche Details sind Ausdruck von Vorstellungen, Absichten und Botschaften ihrer Zeit.

Mit einem kulturhistorischen Blick wollen wir deshalb auf Bauformen, Figuren und Fassaden des Hohen Doms zu Paderborn schauen. Wir fragen danach, warum etwas genau so dargestellt ist, wie es dargestellt ist: Warum ist eine Figur besonders groß oder klein? Warum nimmt sie eine bestimmte Haltung ein? Warum steht sie genau an diesem Ort? Und welche Bedeutung entfaltet ein Bauwerk dadurch für seine Zeitgenossen – und für uns heute?

Der Titel der Serie ist einer Inschrift entnommen, die unmittelbar zu dieser Idee führt. Auf dem Fürstenberggrabmal steht: „Cum lapides clament, carmina iure tacent“ – sinngemäß: „Wo die Steine selbst sprechen, bedarf es keiner Dichtung mehr.“ Dietrich von Fürstenberg, der bedeutende Paderborner Fürstbischof, formulierte damit ein selbstbewusstes Verständnis von Baukunst und Erinnerung. Seine Bauwerke sollten für ihn selbst sprechen – über seine Biografie, seine Leistungen und seinen Nachruhm. Wo Stein sichtbar Zeugnis ablegt, braucht es keinen geschriebenen Text mehr, der erklärt, wer dieser Mensch gewesen ist.

Und damit sind wir bereits bei dem ersten Monument, das uns in dieser Serie begegnet: dem Fürstenberggrabmal selbst. Denn auch dieses Grabmal ist mehr als ein Ort der Erinnerung. Es ist eine Botschaft aus Stein – und vielleicht lohnt es sich, genau zu betrachten, was er uns zu erzählen hat.

 

Schon zu Lebzeiten ließ Dietrich von Fürstenberg bei dem Bildhauer Heinrich Gröninger sein eigenes Grabmal anfertigen. Mit einer Höhe von 17,87 Metern sollte es nicht nur an ihn erinnern, sondern ganz bewusst sein Bild für die Zeitgenossen und die Nachwelt prägen. Die Inschrift bringt diese Absicht ungewöhnlich deutlich auf den Punkt: „Sicher ist der Tod, ungewiss der Tag und nicht sicher das Andenken der Deinen; daher setze, bist du weise, dir dein Denkmal selbst!“

Das Grabmal ist damit tatsächlich ein Denkmal, das für Dietrich von Fürstenberg selbst spricht. Seine Größe, sein ursprünglicher Standort unmittelbar am Hochchor und seine aufwendige Gestaltung machen seinen Anspruch sichtbar: Hier wollte ein Kirchenfürst nicht einfach bestattet werden – er wollte dauerhaft präsent bleiben.

Doch was erzählt dieses Denkmal über seinen Auftraggeber?

Erstens: Dietrich stellt sich selbst als bedeutende Gestalt der Paderborner Geschichte dar.
In Pontifikalkleidung kniet er vor dem Kreuz. Um ihn herum erscheinen wichtige Heilige, historische Persönlichkeiten und Bauwerke seiner Amtszeit. Die Academia Theodoriana, Schloss Neuhaus und die Wewelsburg stehen für seine geistige, kirchliche und landesherrliche Politik. Das Grabmal zeigt damit nicht nur, wer Dietrich war, sondern auch, was er geleistet zu haben beanspruchte.

Zweitens: Dietrich stellt sich in eine große Paderborner Tradition.
Neben ihm erscheinen die Bistumsheiligen und seine berühmten Vorgänger, insbesondere Bischof Meinwerk. Dessen Darstellung ist besonders aufschlussreich: Meinwerk galt als Neugründer der Paderborner Kirche. Indem Dietrich sich mit ihm verbinden lässt, präsentiert er sich selbst gewissermaßen als zweiter Neugründer des Paderborner Bistums– als jemand, der Paderborn erneuert und seine Kirche für die Zukunft stärkt.

Drittens: Das Grabmal macht aus Dietrich einen von Gott legitimierten Erneuerer.
Über ihm erscheint der Prophet Ezechiel mit seiner Vision von der Auferstehung der Toten. Darüber wiederum wird die Auferweckung des Lazarus dargestellt. Tod und Auferstehung sind hier also nicht nur persönliche Themen des Grabmals. Sie werden zu Bildern für Erneuerung und neues Leben. Dietrich erscheint damit als ein kämpferischer Erneuerer, dessen Wirken über seinen Tod hinaus Bedeutung haben soll.

Viertens: Auch Herkunft und Familie gehören zu diesem Selbstbild.

Die sechzehn Ahnenwappen verweisen auf seine Abstammung und seine gesellschaftliche Stellung. Über ihnen steht sein bischöfliches Wappen, das die beiden Seiten seines Selbstverständnisses miteinander verbindet: Fürstenberger und Paderborner, weltlicher Landesherr und geistlicher Fürst.

So wird das Grabmal zu einer Art steinener Biografie. Es erzählt von Dietrichs Herkunft, seinem Amt, seinen Bauwerken, seinen politischen und religiösen Zielen und seiner Vorstellung von der eigenen Rolle in der Geschichte Paderborns.

Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Denkmals: Dietrich von Fürstenberg wollte nicht dem Zufall überlassen, wie man sich an ihn erinnert. Er ließ sein eigenes Bild in Stein festschreiben. Das Grabmal sollte nicht nur sein Grab sein, sondern sein Vermächtnis.

Damit erfüllt sich auch die Inschrift „cum lapides clament, carmina iure tacent“: Wenn die Steine sprechen, schweigen die Gedichte zu Recht. Denn Dietrichs Grabmal braucht tatsächlich kaum eine weitere Biografie. Es erzählt selbst, wer er gewesen sein wollte.

Als zweites betrachten wir die Statue der heiligen Katharina von Alexandrien, die auf dem heidnischen Kaiser Maxentius steht. Auffällig ist dabei vor allem eines: Der Kaiser ist im Verhältnis zu Katharina winzig dargestellt.

Das ist kein Fehler, sondern folgt einer mittelalterlichen Bildlogik: Entscheidend waren nicht realistische Körperproportionen, sondern die Bedeutung einer Person. Katharina ist die geistig und geistlich Überlegene – deshalb wird sie größer dargestellt als der mächtige Kaiser.

Der Legende nach versuchte Maxentius, Katharina mit Hilfe von fünfzig Philosophen von ihrem Glauben an Christus abzubringen. Doch Katharina argumentierte so klug und überzeugend, dass sich die Gelehrten schließlich selbst zum Christentum bekannten und taufen ließen. Der wütende Kaiser ließ sie daraufhin töten.

Zuvor erzählt die Legende jedoch von einer weiteren entscheidenden Begegnung: Ein alter Einsiedler erklärte Katharina, dass Christus ihr Bräutigam sein wolle. Katharina erkannte darin beschämt ihren bisherigen Stolz und ihr weltliches Leben. Sie ließ sich taufen und vermählte sich in einer Vision mit Christus. Von nun an galt ihre Treue allein ihm.

Die Statue erzählt damit in einem einzigen Bild eine ganze Geschichte: Die junge Christin besiegt den mächtigen Kaiser – nicht mit Gewalt, sondern mit ihrem Glauben und ihrer Klugheit. Ihre Größe macht sichtbar, was die Körperhaltung allein nicht erzählen könnte: Vor Gott und im Glauben ist nicht der Mächtige der Größte, sondern derjenige, der für seine Überzeugung einsteht.

Katharina wurde deshalb zur Patronin von Gelehrten, Studierenden, Philosophen und Theologen. Ihre Darstellung verbindet damit zwei zentrale Eigenschaften: Glaubensstärke und geistige Überlegenheit.

Die Regel „Je wichtiger, desto größer“ funktioniert allerdings nicht immer. Das zeigt besonders eindrucksvoll die monumentale Christophorusfigur im Hohen Dom zu Paderborn.

Die 1619 von Heinrich Gröninger geschaffene Sandsteinskulptur steht über dem Ausgang zum Atrium in Überlebensgröße auf einem Sockel. Sie ragt in der Mittelachse der Wand bis in das Radfenster hinein und wirkt fast wie ein auf die Wand gelegtes Relief. Nur einzelne Körperteile, vor allem die Gliedmaßen, treten deutlich plastisch hervor. Christophorus trägt Mantel und Untergewand, einen Hut und eine Tasche über der Schulter; mit der linken Hand stützt er sich auf einen großen Wanderstab.

Besonders bemerkenswert ist jedoch das Verhältnis zwischen dem riesenhaften Christophorus und dem kleinen Christuskind, das er der Legende nach auf seinen Schultern trägt. Christophorus wird als außergewöhnlich großer und kräftiger Mann beschrieben. Gerade diese körperliche Größe wird in der Paderborner Skulptur ins Monumentale gesteigert. Und doch trägt der körperlich Größte den äußerlich Kleinsten – denjenigen, der theologisch der Größte ist: Christus selbst.

Der Legende nach hieß Christophorus ursprünglich Reprobus und suchte den mächtigsten Herrscher der Welt, dem er dienen konnte. Schließlich gelangte er zu einem Einsiedler, der ihn beauftragte, Menschen durch einen Fluss zu tragen. Eines Tages nahm er ein kleines Kind auf seine Schultern. Doch je weiter er durch das Wasser ging, desto schwerer wurde die Last. Schließlich drohte der Riese selbst unterzugehen. Am anderen Ufer gab sich das Kind als Christus zu erkennen: Christophorus hatte nicht nur ein Kind, sondern den Schöpfer der Welt getragen. Aus Reprobus wurde Christophorus – der „Christus-Träger“.

Auch ein kleines Detail der Paderborner Skulptur erzählt diese Geschichte weiter: Unter seinem linken Fuß liegt ein Delfin. Er verweist auf die antike Sage vom Sänger Arion, der von Seeräubern ins Meer geworfen und von einem Delfin gerettet wurde. Wie der Delfin Arion ans sichere Ufer brachte, so führt Christophorus in seiner Legende die Menschen sicher durch den Fluss.

So steckt in dieser gewaltigen Figur eine interessante Umkehrung: Die körperliche Größe sagt hier nicht alles über Bedeutung aus. Der Riese ist der Träger – Christus aber ist derjenige, der die eigentliche Größe besitzt. Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die diese monumentale Figur über dem Ausgang bis heute vermittelt: Der Starke trägt den, der stärker ist als er selbst.

Kommen wir zu einem Element, das man leicht übersieht und das doch eine ganze Geschichte erzählt: der neue Boden der Krypta.

Seit 2023 zeigt die Krypta des Paderborner Doms nach ihrer Neugestaltung ein neues Gesicht. Doch nicht nur der neue Altar oder die Skulptur des heiligen Liborius prägen den Raum. Auch der Boden selbst wurde zu einem Erzähler der Geschichte des Domes.

Unterschiedlich bearbeitete Kalksteinflächen zeichnen die Grundrisse der früheren Kirchen und Bauphasen nach. Ein Bronzeband markiert zusätzlich den sicher überlieferten Verlauf der Meinwerk-Krypta aus dem frühen 11. Jahrhundert.

Wer heute durch die Krypta geht, steht damit buchstäblich auf der Geschichte des Domes. Der Boden zeigt nicht nur, wo frühere Bauwerke standen – er macht sichtbar, wie sich der Dom über Jahrhunderte verändert und immer wieder neu entwickelt hat.

Es ist also ein Boden, der nicht einfach unter unseren Füßen liegt. Er erzählt.

An der Ostwand des Hasenkamps steht heute das Rotho-Grabmal, das um 1450 von Wilhelm von Büren-Beusichem und seiner Frau Irmgard zur Lippe für Bischof Rotho gestiftet wurde. Ursprünglich stand das Grabmal im Chor des Domes. 1924 wurde es in das Atrium versetzt, bevor es 1959 seinen heutigen Platz im Hasenkamp erhielt.

Der Sarkophag zeigt sechs Halbfiguren, darunter Bischof Meinwerk, Karl den Großen, Papst Leo III. und den heiligen Kilian. Darüber erscheint Maria mit dem Christuskind.

Doch die Versetzung wirft eine spannende kulturhistorische Frage auf: Bleibt die Bedeutung eines Denkmals dieselbe, wenn sich sein Standort verändert?

Der Stein selbst bleibt unverändert – aber seine Beziehung zum Raum verändert sich. Ein Grabmal im Chor steht in unmittelbarer Verbindung mit dem liturgischen Geschehen und besitzt dadurch eine andere Wirkung als dasselbe Grabmal an einem späteren, räumlich und funktional völlig anderen Ort.

Das gilt auch für das bereits betrachtete Fürstenberggrabmal: Ursprünglich stand es in unmittelbarer Nähe des Hochaltars und damit des Allerheiligsten. Erst später wurde es an seinen heutigen Standort versetzt.

Ein Denkmal erzählt also nicht nur durch das, was dargestellt ist. Auch der Ort, an dem es steht, ist Teil seiner Botschaft.

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