Ein fremder Mann ist in den Dom gekommen, kurz vor dem Liborifest im Zuge der Renovierungsarbeiten in der Krypta. Jetzt steht er da unten und geht nicht mehr fort. Ein Pfau hat sich zu ihm gesellt.
In den vergangenen Tagen hatte ich zweimal die Gelegenheit, mich einfach in die neue Krypta zu setzen, den Raum wahrzunehmen und vor allem auch zu beobachten, wie der neue Raum auf andere Menschen wirkt, die als Gläubige oder Touristen in den Dom kommen. Es wurde sich ausgetauscht vor allem über die neue, moderne Liboriusfigur von Stephan Balkenhol. Man redete über den heiligen Liborius, tauschte Eindrücke aus. Die Eindrücke und Reaktionen waren vielfältig: Erstaunen, Überraschung, Freude – Befremden, Unverständnis, Wut. Nur Gleichgültigkeit habe ich wenig mitbekommen, als ich dort saß. Nachdem ich all das gehört hatte, habe ich mich gefragt: Was ist mein Eindruck von diesem Kunstwerk? Welchen Zugang finde ich zu ihm? Führt mich mein Nachdenken darüber zu einem neuen, vertieften Verständnis von Heiligkeit? Vielleicht sogar von Gott selbst und seinem Wirken in meinem Leben und unserer Welt? Drei Gedanken kamen mir:
1. Der Fremde
Auch nach mehreren Besuchen und längerem Anschauen bleibt mir der „moderne Liborius“ noch fremd. Ich bin ihn anders gewohnt zu sehen. Die allermeisten Darstellungen des hl. Liborius, die ich kenne und im Kopf habe, zeigen ihn als barocken Bischof. Natürlich weiß ich: Das war er nicht. Er war kein Mensch des Barocks, also der Neuzeit, sondern ein Mensch der Antike: 337 soll er zum Bischof von Le Mans gewählt worden sein. Trotzdem bin ich es gewohnt, ihn mir als Mann der Neuzeit vorzustellen. Die vielen Darstellungen von ihm in unserem Dom und anderswo haben meine Sehgewohnheiten und auch meine Erwartungshaltung geprägt. Nun, in der modernen Darstellung, steht er mir anders gegenüber, als ich es gewohnt bin. Das befremdet mich. Ich werde herausgerissen aus dem Gewohnten, Vertrauten, Bekannten. Das Vertraute und Gewohnte verlassen zu müssen, ist etwas, was mir nicht immer leichtfällt. Vertrautes und Gewohntes geben ja auch Sicherheit, vielleicht sogar das Gefühl von Heimat.
Zugleich weiß ich auch: Heiligkeit, und somit auch die Heiligen, und vor allem Gott selbst lassen sich nie ganz fassen und entsprechen nie meinen Erwartungen. Vielleicht muss sich mein Glaube dieser Herausforderung immer wieder stellen: Meine Erwartungen werden enttäuscht. Das Vertraute wird aufgebrochen, das so bekannt Geglaubte wird mir fremd. In der Bibel finde ich diese Dynamik, wenn sich Gott selbst den Menschen offenbart: Gott erscheint Mose im brennenden Dornbusch. Das ist neu für Mose. Gott begegnet Elija im leisen Säuseln. Da hat ihn Elija nicht erwartet. Den Menschen zur Zeit Jesu kommt Gott entgegen als Mensch, der am See von Genezareth wohnt. Erst langsam erkennen sie, dass es Gott selbst ist, der in Jesus zu ihnen kommt. Immer, wenn ich mit mir fremden Darstellungen von Heiligen und Heiligkeit konfrontiert werde – in welcher Form auch immer –, ruft mir das ins Gedächtnis: Gott ist größer als meine Vorstellungskraft. Er sprengt meine Erwartungen. Damit fordert er mich auch heraus. Oder, wie es der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr einmal formuliert hat: „Die große Häresie ist es, die Dunkelheiten des Glaubens in Sicherheit umzuwandeln. Wenn im Glauben alles sicher und eindeutig ist, dann gibt es kein Fragen mehr, kein Erstaunen, keine Demut, kein Geheimnis.“1
2. Der Heilige
Bei aller Fremdheit der Darstellung weiß ich natürlich, dass hier der heilige Liborius dargestellt ist. Ich lese es auf der Hinweistafel an der Wand hinter der Statue. Ich erkenne es an den eindeutigen Attributen: dem Evangelienbuch, den Steinen, dem Pfau. Es ist der heilige Liborius. Aber er trägt Kleidung, die ich nicht ihm, sondern eher mir und meinen Zeitgenossen zuordne: weißes Hemd mit Kragen, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Eine interessante Ambivalenz: Auf der einen Seite ist er mir fremd, weil ich ihn so nicht erwarte zu sehen. Auf der anderen Seite ist er mir in seiner äußeren Erscheinung so vertraut, weil ich so viele Menschen kenne, die sich so kleiden. Mir kam ein Gedanke in den Sinn, den Papst Franziskus einmal überschrieben hat mit dem Begriff der ‚Heiligkeit von nebenan‘. In seinem Apostolischen Schreiben ‚Gaudete et Exsultate‘ formuliert er: „Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche. Oft ist das die Heiligkeit ‚von nebenan‘, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind, oder, um es anders auszudrücken, ‚die Mittelschicht der Heiligkeit‘.“2 An anderer Stelle hat Papst Franziskus einmal gesagt: „Heiligkeit erwächst aus dem konkreten Leben der christlichen Gemeinschaften. Die Heiligen stammen nicht aus einer »Parallelwelt«; es sind Glaubende, die zum gläubigen Volk Gottes gehören und im alltäglichen Leben stehen, das aus Familie, Studium, Arbeit, sozialem, wirtschaftlichem und politischem Leben besteht. In jedem dieser Kontexte bewegt sich und handelt der oder die Heilige ohne Angst oder Abschottung und erfüllt in jeder Situation den Willen Gottes.“3
Die Heiligkeit des hl. Liborius erwächst nicht aus der Tatsache, dass er Bischof war. Die Heiligkeit leuchtet vielmehr auf in der Art und Weise, wie er Bischof war, wie er sein Christsein gelebt hat. So fragt er mich, als ‚Heiliger von nebenan‘, in seiner Kleidung, die meine eigene sein könnte: „Und wie lebst Du dein Christsein, Deine Berufung?“
3. Der Pilger
Ich stand einige Minuten vor dem heiligen Liborius, betrachtete ihn. Dann fiel mir auf: Im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen von Heiligen schaut dieser Liborius mich nicht an. Er schaut über mich hinweg. Sein Blick ist ganz ausgerichtet auf das Reliquienkästchen im Altar der Krypta. Ich fragte mich: Ist das überhaupt zwingend der heilige Liborius? Kann dieser hier dargestellte Mensch nicht auch einer der vielen Pilger sein, die sich im Laufe der Jahrhunderte aufgemacht haben, um hier im Paderborner Dom das Grab des Bischofs von Le Mans zu besuchen? Aber was bedeuten dann die drei Attribute: das Evangelienbuch, die Steine und der Pfau? Vielleicht hat sich dieser Pilger in seinem Leben so sehr von seinem großen Glaubensvorbild prägen und inspirieren lassen, dass ihm die Attribute und das, wofür sie stehen, selbst zum Ausdruck seines Christseins geworden sind: Er lebt ganz aus der Heiligen Schrift, begegnet dem Auferstandenen im Wort Gottes. Das Leiden der Armen, Kranken und Schwachen rührt ihn an. Er versucht, Not zu lindern, die schweren Steine im Lebensrucksack seiner Mitmenschen mitzutragen. Er weiß sich geführt. Er vertraut darauf, dass da jemand da ist, der ihm den Weg weist zum Ziel seines Lebens, dass er nicht allein unterwegs ist. Er weiß: Er ist unterwegs mit vielen anderen Christen. Christus selbst weist den Weg zum Vater.
All das ist der heilige Liborius für mich: der Fremde, der Heilige und das Vorbild für mich als Pilger. Im Schauen auf die moderne Figur in der Krypta ist mir dies zu Libori 2023 wieder neu vor Augen geführt worden.
Christian Städter, Paderborn
1 zitiert nach: Brian J. Pierce OP: Embracing Ambiguity. In: Human Development 38/Winter 2018. S. 8
2 Papst Franziskus: Gaudete et Exsultate. # 6
3 Papst Franziskus: Ansprache an die Teilnehmer der Tagung ‚Heiligkeit Heute‘. 6. Oktober 2022